Japanische Geisterwelt

ayakashi 妖(あやかし: Eigentlich ein Seeschlangen-ähnliches Meermonster, das Boote durch immense Abgabe einer öligen Substanz zum Kentern bringt, wurde das Wort auch allgemein für Geisterscheinungen bei Schiffsunglücken benutzt. Heute verwendet man die Bezeichnung als Synonym für yokai, aber auch für alles, was „anormal“ ist, einschließlich kami.

bakemono 化け物 / obake 御化け: (wtl. verwandelte Wesen) geläufigste Ausdrücke für Gespenster und andere übernatürliche Erscheinungen

Berggipfel: Sitz der Verstorbenen und der Götter

Bon-Fest 盆祭り
Bon ist die Abkürzung von urabon (= herabhängen) und bezieht sich auf die Torturen der Hölle, vermutlich jedoch auch schon auf Vorprüfung in’s Jenseits (s. Exkurs Beerdigungsriten unter yurei).
Bei diesem im August stattfindenden Fest sehen die sorei wohlwollend im Diesseits nach dem Rechten. Ursprünglich diente das Fest auch dazu, die als gaki wiedergeborenen Verwandten zu befreien.

gaki 餓鬼: Hungergeister
Bei diesen spindeldürren Wesen mit aufgequollenen Bäuchen handelt es sich um diejenige Existenzform, in die man reinkarniert wird, wenn man gierig war. Sie ernähren sich von Kot, Urin und Leichenteilen, sind aber beständig hungrig und durstig, und werden außerdem von anderen Geistern drangsaliert.
Indem man diese Geister mit Speis und Trank versorgt, kann man sie von ihrer leidvollen Existenzform erlösen und damit auch für sich selbst gutes Karma erwirken.

goryou 御霊: Hochgestellte Rachegeister, offenbar allerdings auf die Geister der Hofaristokratie beschränkt

goryou shinkou 御霊会: Glaube an/Kult für goryou

inari 稲荷: beliebte Shintogottheit der Fruchtbarkeit und der Ernte
Offenbar gab es einst sowohl einen männlichen Gott des Reises sowie eine weibliche Göttin der Nahrung und der Fruchtbarkeit allgemein, die unter dem Namen Inari verehrt wurden. Nach ihrer Vereinigung wurden sie jedoch je nach Region weiter sowohl männlich als auch weiblich dargestellt. Wegen seinem stetem Begleiter Kitsune, dem weißen Fuchs, der als Bote fungiert, wird Inari oft auch als ein solcher dargestellt. Inaritempel werden am Eingang meist neben einer Anzahl von roten torii (den typischen zinnoberroten Toren vor Shintoschreinen) von Fuchsstatuen, die diesen bewachen sollen, flankiert, denen man aus Respekt und Ehrerbietung rote yadoredake (Votivlätzchen) umgebunden hat.

kami 神: Gottheit
Im Gegensatz zu den yurei und yokai, die sich gegenüber der menschlichen Gesellschaft auf der gleichen hierarchischen Ebene befinden, sind kami den Menschen übergeordnet.
Ursprünglich wurden damit die den Bergen, Flüssen, Bäumen und anderen Orten und Naturereignissen innewohnende Gottheiten gemeint und wurde später von der Shintolehre übernommen, wobei sie neben den Gottheiten der klassischen Mythen von Kojiki und Nihonshoki (zu denen beispielsweise auch die Gründungsgötter Izanagi und Izanami gehören), die Gottheiten der einzelnen Shintoschreine eben auch die Seelengeister von Menschen, Tieren, Bergen, Flüssen damit meinten.
Schließlich wurde alles, was in irgendeiner Weise außergewöhnlich war, kami genannt, unabhängig davon, ob es sich um etwas Gutes oder Schlechtes, Erhabenes oder Abstoßendes handelte. Schließlich kann man einen goryou-Rachegeist oft nur damit besänftigen, indem man ihn zu einem kami erhebt und ihm einen eigenen Schrein errichtet. Ausserdem steht die Bezeichnung auch für verstorbene Tenno oder ausländische Götter.

mitama 御魂 oder 御霊: (wtl. ehrenwerte Seele) Geist oder Seele eines kami
In der Regel wird in Shintoschreinen nur das mitama eines kami angebetet und verehrt, nicht der kami selbst.

oni 鬼: Dämon, Teufel
Neben den tengu die bedeutendste Gruppe an yokai.
Die oni sind eine Art in den Bergen lebende Oger (Menschenfresser) von menschenähnlicher Gestalt. Sie besitzen jedoch Hörner, raubtierartige Zähne und Krallen. Ihre Haut ist feuerrot, grün oder blau. Typischer Weise trägt er einen eisenbeschlagenen Knüppel (kanabou) und einen Lendenschurz aus Tigerfell.
Diese Mischung aus Rind/Tiger-Elementen ist wohl chinesischen Ursprungs, da in China das traditionelle Kalenderzeichen von Rind-Tiger für den Nordosten, dem „Dämonentor“ steht, der Richtung also, aus dem die Dämonen in unsere Welt treten.

onryou 怨霊: Rachegeister
Dabei handelt es sich um Rachegeister, die besonders qualvoll zu Tode gekommen sind oder besonderes Unrecht erfahren haben. Besonders einflussreiche Leute der Hofaristokratie werden zu goryou.

reikon 霊魂: Seele, Totenseele
Seele, die in der Welt der Lebenden gefangen ist. Entspricht dem westlichen Gespenst.

sorei 祖霊: Ahnengeist, Ahnenseele
Seele eines verstorbenen Ahnen, die bereits fest im Jenseits verankert ist.

tamashii 魂: Seele
Tama ist nicht identisch mit dem christlichen Konzept der Seele. Auch ist es ein Konzept, das wesentlich älter als der Shinto selbst ist. Tama kann grundsätzlich jedem Objekt der Welt zukommen, wenn auch nicht jedes zu einem mitama werden kann.

tengu 天狗: (wtl. Himmelshunde) Berg- oder Waldgeister
Neben den oni eine der beiden Hauptgruppen an yokai. Ursprünglich Krähengestalt annehmend, erklärt sich ihr Name aus dem chinesischen Hundedämon Tiangou. Der Buddhismus lehrte sie lange Zeit als Zerstörer und Kriegsdämonen. Heute sind ihre Züge sanfter geworden und sie werden zum Großteil als (wenn auch immer noch gefährliche) Schutzgötter der Berge und Wälder verehrt.
Neben den Krähentengu gibt es überwiegend auch noch die Langnasentengu, dessen übergroße Nase deutlich phallische Züge trägt. Beide Arten haben menschliche Körper und können fliegen bzw. teleportieren.

yokai 妖怪 / mononoke 物の怪: Fabelwesen, magisch begabte Tiere
Es gibt tierische yokai mit magischen Kräften, von denen die meisten hengeyokai (変化妖怪), also Gestaltwandler sind. Hauptsächlich sind dies Marderhunde (tanuki 狸), Füchse (kitsune), Katzen (bakeneko oder nekomata) oder Wölfe (ookami). Daneben gibt es welche, die teils tierische und teils menschliche Züge tragen, wie die tengu oder kappa (froschähnliche Wesen, die in Teichen hausen und diese beschützen).
Außerdem gibt es noch die tsukumogami (付喪神). Dabei handelt es um gewöhnliche Haushaltsgegenstände, die zu ihrem hundertsten Geburtstag lebendig wurden. Darunter fallen sowohl bakezouri (Strohsandalen), karakasa (alte Regenschirme), kameosa (alte Sake-Gefäße), als auch morinji no kama (Teekessel).
Schließlich gibt es noch diejenigen, die ursprünglich einmal Menschen waren, die jedoch durch extreme Emotionen eine übernatürliche Verwandlung in etwas Schreckliches oder Groteskes durchlebten. Dazu gehören z. B. yuki onna (Schneefrau) und yamauba (Berghexe, die verirrte Wanderer auffrisst).
Daneben gibt noch sehr viel mehr yokai, die sich nicht kategorisieren lassen.
Alle yokai besitzen übernatürliche Kräfte und sind zumeist auch von undurchsichtigen Motiven und Plänen getrieben, so dass Begegnungen mit Menschen oft gefährlich enden. Einige Geschichten erzählen sogar von yokai, die sich mit Menschen fortgepflanzt haben, um Halb-Yokai (han’you) hervorzubringen. Viele dieser Geschichten beginnen als Liebesgeschichten, nehmen allerdings wegen der vielen Hindernisse, die einer Beziehung zwischen Mensch und Yokai entgegenstehen, kein gutes Ende.

yurei 幽霊: (wtl. dunkle Geister) Totengeister
Yurei tragen in der Regel ein weißes Totengewand, das shini shouzoku (死人 装束), zu dem auch eine dreieckige Stirnkappe gehört, das hitaikakushi (額隠). Sie schweben mit langen gelösten Haaren über dem Boden und ähneln damit sehr europäischen Geistern, wobei yurei in der Regel keine Füße haben, was offenbar ein wichtiges Erkennungsmerkmal gegenüber Lebenden ist. Yurei an sich sind vielleicht unheimlich, aber gefährlich werden sie erst als onryou.
Bei den yurei handelt es sich um die Seelen der Verstorbenen, die noch nicht das Jenseits erreicht haben, bzw. noch nicht reinkarniert wurden.
Der Zugang zum Jenseits ist versperrt, wenn sich niemand um den Leichnam kümmert bzw. die Reise in’s Jenseits ist beschwerlich, wenn sich niemand ordentlich um die Bestattung kümmert.
Da die Hinterbliebenen, falls den Verstorbenen auf ihrer Reise etwas schiefläuft, von diesen in ihren Träumen heimgesucht werden, spielen die Beerdigungsriten auch heute noch eine große Rolle.

Exkurs Beerdigungsriten

Traditionell legen die Verwandten in der Nähe des Körpers des Verstorbenen sechs Münzen nieder, bevor die Beerdigung statt findet. Gemäß dem japanischen Glauben muss man in der Unterwelt an drei Grenzübergängen jeweils zwei Münzen zur Weiterreise entrichten. Der Fluss der drei Grenzübergänge nennt sich sanzu no kawa (三途の川) und ähnelt sehr dem Styx der griechischen Mythologie.
Der erste Grenzübergang besteht aus einer Brücke. Wer gute Taten begangen hat, überquert eine Brücke voller Edelsteine zu Fuß. Diejenigen, die sich schlecht benommen haben, während sie noch lebten, sind gezwungen, durch einen Fluss voller Schlangen zu waten.
Der zweite Kreuzungspunkt besteht aus einer Furt. Wer als guter Mensch gelebt hat, wird mit einem Boot zum dritten Grenzübergang gebracht. Schlechte Menschen jedoch müssen durch den vor Schlangen wimmelnden Fluss schwimmen.
Wenn man sich schließlich dem Ufer nähert, wird man von einem weiblichen Gott der Unterwelt, genannt datsueba (夺), entkleidet. Ihr Mann, der männliche Gott der Unterwelt keneoo (悬衣翁), hängt die Kleider über einen Baum. Wenn die Zweige sich biegen oder gar auf den Boden hängen, bedeutet es, dass der Verstorbene eine Menge von Sünden angesammelt hat und er wird entsprechend bestraft. Die Strafe besteht darin, die Glieder herauszureissen und sie irgendwie wieder anzubringen (nutzt eure Fantasie).
Auf jeder japanische Beerdigung findet sich ein Porträt des Verstorbenen in einem Rahmen und eine ihai (いはい) oder eine Ahnentafel. Der Name des Verstorbenen wird auf diese Ahnentafel geschrieben. Tatsächlich glaubt man, dass die Seele des Verstorbenen sich auf der Ahnentafel befindet. Deshalb nehmen die Angehörigen die Seele mit der Ahnentafel mit sich und stellen sie in einem besonderen Raum zu Hause auf. Wenn der Verstorbene dann in den Leichenwagen getragen wird, drücken alle Gäste ihre Handfläche gegen ihren Daumen. Die Japaner glauben, dass die oyayubi (おやゆび) oder Daumen ihre Eltern darstellen. Tatsächlich bedeutet oya (おや) Elternteil, während yubi (ゆび) für Finger steht. Um die Eltern vor einem frühzeitigen Tod zu schützen, wird als der Daumen gegen die Handfläche gedrückt, sobald ein Leichenwagen vorbeifährt.
Nach der Einäscherung holen die Verwandten die Knochen aus der Asche und legen sie mit Essstäbchen in eine Urne, wobei sie die Knochen von einem Verwandten zum nächsten weiterreichen, bis alle Knochen in der Urne sind. Dies mag morbide erscheinen, ist aber als eine Art Respekt zu sehen, bei dem die Verwandten ausserdem noch Zeit mit ihrem Verstorbenen verbringen. Aus diesem Brauch erklären sich auch einige Faux-pas, die einem bei einem japanischen Essen nicht unterlaufen sollten: Essen wird nicht von Stäbchen zu Stäbchen weitergereicht. Wenn ihr teilen wollt, legt das Essen auf die Schüssel/den Teller eures Partners. Essstäbchen sollte man auch nicht einfach in die Schüssel Reis stecken, das erinnert an das Darbringen von Räucherungen zu Ehren des Toten.

Weitere Infos unter: Obakemono-Project

letzte Aktualisierung: 19.01.2012

2 Antworten zu “Japanische Geisterwelt

  1. Intressanter Beitrag, ich finde die japanische Mythology, und auch die Geistergeschichten und Monster aus Japan total interessant. Allerdings würde ich Reikon nicht mit Gespenst gleichsetzen, sondern eher mit Seele, Yurei ist das was einem Gespenst am nächsten kommt denke ich.

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